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Prolog

Die serbische Hauptstadt ist wolkenverhangen an diesem Donnerstagmittag. Im Nieselregen durchquere ich zwei rostige Eisentore, die hinunter auf eine Fläche führen, auf der sich drei Basketballfelder aneinanderreihen. Direkt daneben erheben sich die mächtigen roten Ziegelsteinmauern der Festung von Belgrad. Im Nieselregen nähere ich mich mit leicht nervösen Schritten dem blassgelben zweistöckigen Gebäude am Ende des Freiplatzes, dessen Dächer zu beiden Seiten leicht abfallen. Hier soll der Kosakarski Klub Crvenza Zvezda – zu Deutsch Basketballklub Roter Stern Belgrad – seine Geschäftsstelle haben. In einem unscheinbar und wenig modern daherkommenden Gebäude am Rande einer Burg. Hier soll ich fünf Tickets abholen für das große Spiel am morgigen Abend, für die Euroleague-Partie gegen Panathinaikos Athen.

 

DSC_0138Ich betrete die Geschäftsstelle mit einiger Erleichterung, denn auf den ersten Blick erkenne ich, hier an der richtigen Adresse zu sein. Vor mir warten bereits über 20 Menschen in einer Schlange vor der Rezeption darauf, eine Etage nach oben geschickt zu werden, um dort ihre Tickets abzuholen. Jedenfalls vermute ich das, denn natürlich verstehe ich kein Wort Serbisch und um ehrlich zu sein habe ich innerhalb von Zehntelsekunden nach dem Eintreten auch beschlossen, vorerst hier niemand danach zu fragen, wo ich denn nun die Tickets für mich und meine deutschen Freunde abholen dürfte. Nicht falsch verstehen: Die Menschen in Belgrad erlebe ich als unheimlich gastfreundlich, aber ich komme mir insgesamt einigermaßen deplatziert vor als quasi einzige Person mit mehr als 3mm Haarlänge und weniger als 10mm Bart. Alle paar Minuten kommt eine kahlgeschorene Kante nach der anderen die Treppe herunter, in den Händen ganze Stapel von Tickets. Ich überlege, ob hier gerade die Obermacker der diversen Delije-Gruppen – so nennen sich die Ultras von Zvezda – der Reihe nach die Karten für ihre Leute abholen. Und ich überlege als nächstes, was die wohl davon halten würden, wenn sich gleich eine deutsche Kartoffel einfach mal an allen anderen vorbeidrängelt und die blonde Frau hinter der Rezeptionstheke auf Englisch anlabert: „Ähm, sorry, ich komm nicht von hier, ich hab auch mit Eurem Club überhaupt nichts zu tun, aber hey, ich kenne wen, der kennt wen, der hat irgendwas mit der Euroleague zu tun und kennt wen, der für Euch arbeitet, der mir Tickets für das Spiel reserviert hat, für das offenbar die ganze Stadt Tickets haben möchte. Ach und ich konnte Maik Zirbes noch nie wirklich leiden, den alten Bamberger Bauern.“

DSC_0137Das mit Maik Zirbes ist zugegebenermaßen Unsinn, den find ich im Grunde sogar ziemlich krass, aber Gefühl und Reiseerfahrung sagen mir, Maul halten, Abwarten und nicht Auffallen ist gerade einfach die beste Option. Und so schaue ich mich lieber noch ein wenig um und bin bemüht, mich nicht allzu offensichtlich von dem Ambiente beeindrucken zu lassen, sondern genauso cool und souverän wie alle anderen einfach hier herumrumzustehen und darauf zu vertrauen, dass ich am Ende ebenfalls mit nem Stapel von Tickets in der Hand wieder rausmarschiere. Nicht, dass dieser Ort so wahnsinnig schön wäre, im Gegenteil, dagegen ist die Baskets-Geschäftsstelle das modernste und stylishste Büro der Welt, aber hey, überall stehen irgendwelche Pokale, die irgendwelche Profi- und Juniorenteams von Zvezda irgendwann mal gewonnen haben. Im Fanshop hängen diverse Shirts mit jeweils der Hälfte des Logos von Zvezda und der Hälfte des Logos von Olympiakos Piräus, den orthodoxen Brüdern. Hinter der Rezeption hängt ein riesiges Bild einer Choreo bei einem Euroleague-Spiel in der großen Kombank-Arena. Man merkt einfach – und ich glaube man soll genau das auch merken –, dass hier ein verdammt großer und stolzer europäischer Basketballverein zuhause ist. Und ich kann es kaum noch abwarten, morgen Abend endlich in dieser verdammt großen Arena zu stehen und dieses für beide Seiten enorm wichtige Spiel zu sehen. Es geht ausgerechnet gegen Panathinaikos, diesen anderen stolzen europäischen Verein, der in Belgrad gleichermaßen wie eben im Hafen von Piräus gehasst wird. Zugegeben, ich habe mich zuerst einmal rabenschwarz geärgert, als Zvezda vor einer Woche mitteilte, das Spiel in der großen Arena und nicht in der kleineren Pionir-Halle austragen zu wollen. Seitdem ich mich für europäischen Vereinsbasketball interessiere, also seit etwa 15 Jahren, war es immer einer meiner sehnlichsten Wünsche, in der Pionir zu stehen und diese überwältigende Atmosphäre mitzuerleben, wenn entweder die rot-weißen Anhänger von Zvezda oder meinetwegen auch die schwarz-weißen Fans von Partizan ein mehr oder weniger simples Basketballspiel in einen wallenden Rausch der Leidenschaft und Emotionen verwandeln. Nun bleibt mir die Pionir zwar vorbehalten, aber die Eindrücke in der Warteschlange vor der Rezeption lassen meine Vorfreude auf morgen dennoch ins Unermessliche steigen. Es ist der Stimmung hier anzumerken, welche Bedeutung das morgige Spiel hat. Ständig laufen irgendwelche wichtig aussehenden Menschen mit Handys am Ohr vorbei, ständig greift die Rezeptionistin zu ihrem Telefon, um direkt danach den Fernseher in der Ecke lauterzudrehen, auf dem gerade ein Vorbericht zum morgigen Spiel beginnt. Mir scheint, Belgrad ist im absoluten Basketballfieber. Ich bin es auf alle Fälle.


 

Košarkaški Klub Crvena Zvezda vs. Panathinaikos Athlitikos Omilos

Warum ist dieses verdammte Licht an der Zimmerdecke an, warum sehe ich nur die Hälfte und warum zur Hölle ist es eigentlich schon Mittag? Der Sherlock Holmes in mir rekonstruiert den Verlauf des gestrigen Tages:

IMG-20160311-WA0004Die Nummer in der Geschäftsstelle verlief exakt wie ich erwartet habe. Natürlich hat Marija – die Helene Wiedlich von Crvena Zvezda – meine Reservierung nicht gefunden, sondern guckte mich mit verständnisloser Miene an, als ich ihr mehrmals langsam, laut und deutlich den Deutschen Nachnamen buchstabierte, auf den fünf Tickets zurückgelegt sein müssten: „L-A-N-G. ELEYENDSCHI, like the Chinese pianist, like the filmmaker, you know?“ Ob Marija jemals Metropolis gesehen hat, weiß ich bis heute nicht. Jedenfalls war mir die komplette neugierige Aufmerksamkeit der anderen Wartenden in der Schlange hinter mir gewiss, bis Marija mich schließlich bat, auf der Couch nebenan Platz zu nehmen, bis eine Lösung gefunden werde: „I’m sure everything is fine, we just need to find the correct reservation.“ Na spitzenmäßig, ich also in der Warteschleife, während alle anderen ihre Karten problemlos entgegennehmen. Meine Nervosität stieg und stieg, die Deutschen Freunde feuerten mich per WhatsApp vom Dortmunder Flughafen aus an: „Du packst das Junge!“. Ihr Flieger nach Belgrad ging in ner halben Stunde und sie verließen sich in diesem Moment auf mich wie die Deutschen auf Dirk damals in Belgrad 2005. Jetzt also bloß nicht verkacken. Oder um es mit Buschis Worten zu sagen: „Und verteidigen! VERTEIDIGEN JETZT!“ Um die Geschichte an dieser Stelle abzukürzen: Nach insgesamt 90 Minuten Warten, nach einem skurrilen Telefonat mit Filip, dem Marketing-Chef von Zvezda und nachdem ich sämtliche Namen in den Raum geworfen hatte, die mir jemals in Zusammenhang mit diesem Basketballclub genannt wurden, drückte mir die inzwischen doch leicht genervt wirkende Marija fünf Karten in die Hand, die offensichtlich für irgendjemand anderes reserviert waren. Aber who cares, ich spazierte ziemlich erleichtert hinaus ohne die berechtigte Sorge, am Abend vom Rest meiner Reisegruppe hart verdroschen zu werden.

IMG-20160323-WA0003Stattdessen nahm ich drei der anderen vier Chaoten am frühen Abend am Belgrader Bahnhof in Empfang. Der weitere Abendverlauf lässt sich prägnant zusammenfassen: In einem wunderbar typisch serbischen Lokal hauten wir uns die Plautzen voll, erfreuten uns an frischgezapftem Staropramen, an dunklen Kellerkneipen mit folkloristischen musikalischen Ständchen, legten uns bei dieser Gelegenheit aus Versehen mit dem Oberarschloch der Belgrader Policija an und landeten schließlich auf irgendeiner Turbofolk-Party auf irgendeinem am Save-Ufer festgemachten Boot. Und wer Turbofolk-Mucke nicht kennt, hat nichts verpasst, denn die klingt auch nicht wesentlich besser als der Name vermuten lässt. Sei’s drum, wir hatten irgendwie an diesem Abend ne Menge Spaß, anders lassen sich angeschaltete Deckenbeleuchtung, fortgeschrittene Uhrzeit, fehlende Kontaktlinse und diese fucking Kopfschmerzen einfach nicht erklären.

IMG-20160313-WA0019Aufgestanden, Kaffee gezogen, den letzten Mistreiter unserer inzwischen fünfköpfigen Crew im Hostel empfangen und zum nächsten Lokal spaziert, bringen wir uns langsam in Game-Stimmung, die auch nicht gerade dadurch gemindert wird, dass uns beim Verlassen des Lokals ein Zvezda-begeisterter Kellner die Eltern von Maik Zirbes zeigt, die wenige Meter von uns entfernt am Tisch zu Mittag aßen. „Maik comes here very often“ ist einer der meistgehörten Sätze in diesen Tagen, wenn wir uns in einer beliebigen Kafana bei der Bierbestellung als Deutsche Basketballfans outen. Da scheint jemand sich offenbar hinter den Tresen der serbischen Hauptstadt pudelwohl zu fühlen. Ganz ehrlich: Wir können ihm das absolut nicht verdenken.

IMG-20160313-WA0016Drei Stunden vor Spielbeginn treffen wir vor der Arena Belgrad ein. Ja, drei verdammte Stunden vorher. Geschichten, denen zufolge zumindest die Pionir-Halle bei wichtigen Spielen schon Stunden vor Tipoff bumsvoll sein und die heutige Situation in der großen Arena einen Heidenaufwand für den Verein in organisatorischer Hinsicht bedeuten soll, motivierten uns zu dieser äußerst frühen Ankunftszeit. Die Halle ist ein riesengroßer Betonklotz, aufgrund seiner schieren Größe durchaus imposant, noch beeindruckter waren wir allerdings vom ebenso großen Polizeiaufgebot. Es ist schon ungewöhnlich, dass trotz Gästefanverbot eine solche Armada von hochgerüsteten Cops angekarrt wird, um ein Basketballspiel zu schützen. Stichwort Gästefans: Verbot trifft es nicht ganz, aber mehr oder weniger offiziell gilt bei Spielen zwischen Zvezda/Olympiakos und Panathinaikos/PAOK/Partizan auf internationaler Ebene, dass keine Fans der Gastmannschaft anreisen sollen. Fun Fact: Die griechischen Gäste hatten vor dem Spiel laut serbischen Medienberichten 200 Karten angefragt. Da haben die grünen Ultras von Gate13 offenbar zeigen wollen, was für Kojones sie doch haben, aber vermutlich auch nie wirklich damit gerechnet, dass sie Karten kriegen würden. Es ist zwar schade, aber ehrlich gesagt auch unvorstellbar, auf welche Weise in einer Basketballhalle bei solch einem Spiel 200 Grüne so untergebracht werden könnten, dass sie vor den Roten, die Roten vor ihnen oder alle vor sich selbst geschützt wären.

IMG-20160313-WA0015Den korrekten Eingang gefunden, ein „Iron Maik“ Shirt am Fanshop abgestaubt, nehmen wir unsere Plätze in der Kurve im Unterrang ein. Die Halle ist riesig mit ihren offiziell 18.000 Plätzen, also der Kölnarena etwa entsprechend. Inoffiziell werden wohl deutlich mehr Fans an diesem Abend hier sein. Der harte Kern wird sich auf der Stehplatztribüne positionieren, die nicht etwa hinter einem der Körbe, sondern tatsächlich auf der Längsseite im Unterrang aufgebaut ist. Da verzichtet Zvezda doch tatsächlich darauf, die besten Plätze als Sitzplatztickets zu verkaufen zu Gunsten besserer Support-Bedingungen für ihre Fans. Nummerierte Sitzplätze gibt es übrigens grundsätzlich nicht, bloß Blocknummern auf den Eintrittskarten. Aber es scheint, als ob die Ordner hier gar nichts zu sagen hätten und alle Leute sich dort niederlassen können, wo sie gerne möchten. Ein Hauch von gesundem Anarchismus weht durchs weite Rund. Etwa eine Stunde vor Spielbeginn betritt dann der erste Spieler im grünen Trikot die Arena. Es ertönt ein gellendes Pfeiffkonzert. So geht das die nächsten Minuten immer weiter. Jeder rot-weiße wird begeistert abgefeiert, alle anderen werden förmlich gelyncht. Das kann einfach nur ein sagenhafter Abend werden, da sind wir uns alle sicher.

IMG-20160313-WA0014Nur noch fünfundvierzig Minuten bis Spielbeginn und noch immer hängt keine Zaunbeflaggung, wundern wir uns, als plötzlich etwa einhundert Ultras durch eins der Mundlöcher in die Halle strömen und einfach mal vom Spielfeldrand aus über den Zaun in die Mitte des bereits pickepackevollen Stehplatzbereiches klettern. Wenige Minuten später hängen überall die Fahnen der diversen Delije-Gruppen, im Unter- wie auch im Oberrang. Das war eine ganz klare Ansage: Hier kommen die VIPs, die wichtigsten Akteure des heutigen Abends. Diejenigen, weshalb Zvezda sich berechtigte Hoffnungen auf einen weiteren Sieg gegen PAO macht, das Hinspiel in Athen wurde ja bereits sensationell gewonnen. Die Minuten vergehen, die Halle füllt sich bis auf den letzten Platz, bis auf die letzte Treppe. Wir blicken in eine schier unendlich große rot-weiße Masse. Wir erleben die Mannschaftsvorstellung von PAO, ein massives Konzert an Pfiffen, wilden Gesten, Beschimpfungen, Gesängen auf Serbisch und auf Griechisch. Eine Fahne ist mit einem grünen Hasen und dem Schriftzug „green rabbits“ bemalt. „Lauft doch, lauft so schnell ihr könnt und habt verdammt nochmal Angst, denn das hier ist unser zuhause“, so könnte eine imaginäre Sprechblase unterm Hallendach die Eindrücke zusammenfassen. Und alter Schwede, wäre ich ein Spieler im grünen Dress, ich hätte schon zehnmal eingenässt bei der Atmosphäre um mich herum. Das Forum Bamberg vor 15 Jahren war ein reiner Kinderspielplatz gegen das, was hier gerade abgeht. Dann die Mannschaftsvorstellung von Zvezda: Keine Verdunkelung, kein Trailer auf den nicht vorhandenen Videowänden, keine Lasershow oder so ein Blödsinn, einfach nur Euphorie und ein brachial lauter Jubelschrei nach jedem einzelnen Spielernamen. Besonders laut wird es bei den drei Ausländern Quincy Miller, Tarence Kinsey und natürlich „Iron Maik“ Zirbes. Und dann der Moment, auf den wir alle gewartet haben. Die Mannschaften stellen sich in einer langen Reihe auf, es ertönt „Devotion“, die Euroleague-Hymne. Oder besser: Mit Sicherheit läuft auch an diesem Abend die Euroleague-Hymne, aber niemand in dieser Halle kann auch nur eine Sekunde davon hören, denn was in diesem Moment passiert, ist in Worten kaum zu beschreiben: 20.000 Menschen hüpfen und singen den Triumphmarsch aus Aida, lauter, immer lauter und noch etwas lauter. Es ist, als würden sie alle Euroleague-Boss Jordi Bertomeau und seiner korrupten Bande den erhobenen Mittelfinger entgegenstrecken und schreien: „Fuck you all, THIS is devotion!“.

IMG-20160313-WA0011Das Spiel beginnt unheimlich nervös. Beide Teams scheinen merklich beeindruckt vom ganzen Drumherum. Die 20.000 geben den Rhythmus vor, aber die Mannschaften auf dem Feld brauchen mehrere Spielminuten, um ihn zu finden. Nach fünf Minuten liegt Zvezda sechs zu zwei vorne, auf dem Feld herrscht purer Kampf. PAO dreht das Spiel, führt plötzlich mit sieben Punkten. Die Athener pflücken sich jeden Rebound, die Belgrader springen jedem einzelnen Ball hinterher. Micic, der Ex-Münchner, schmeißt sich auf den Boden, versucht Diamantidis den Ball zu stehlen. Stefan Jovic verteidigt Nick Calathes im Spielaufbau mit allen Mitteln. Unter dem Korb beackern sich Stimac und Raduljica. Es ist die pure Freude, zuzusehen, mit welcher Energie auf dem Feld und auf den Rängen hier Basketball zelebriert wird. Keine Schönspielerei, keine großen Flugeinlagen und No-Look Pässe, sondern ehrliche Arbeit und frenetische Begeisterung. Acht Punkte liegt Zvezda zurück, als es zu Beginn des zweiten Viertels auf einmal hektisch wird am Spielfeldrand. Ein Belgrader Fan springt über den Zaun unten im Stehplatzbereich und tritt einfach mal volles Rohr gegen die Plexiglaswand hinter der Athener Spielerbank. Die Ordner wollen ihn fassen, sofort eilen ihm ein paar weitere Fans zur Hilfe, innerhalb von 30 Sekunden ist das gesamte Spielfeld umstellt von behelmten Robocops. Die ganze Halle singt, ob gegen PAO oder gegen die Policija wissen wir nicht so genau. Letztere wirken jedoch durchaus eingeschüchtert, wie sie mit ihren Schildern bewaffnet vor der rot-weißen Menge stehen. Gut so, dass die Staatsmacht Angst vorm Roten Stern hat, denkt sich mein anarchistischer Geist. Aber genug mit dem Revoluzzer-Gehabe und zurück zum Spiel, denn die ganze Aufregung war auch nach kurzer Zeit schon wieder vorüber.

Zvezda verteidigt nun deutlich besser. Sie halten PAO im zweiten Spielabschnitt bei 13 Punkten und Maik Zirbes verkürzt zur Halbzeitpause mit zwei Freiwürfen auf nur noch drei Punkte Rückstand. Es gibt berechtigen Anlass zur Hoffnung auf ein enges Spiel und tatsächlich, in der zweiten Halbzeit legen die rot-weißen los wie die Feuerwehr. Fünfundzwanzig Minuten sind absolviert, da lässt Zirbes es krachen. Ein fünfzehn zu vier – Lauf, Belgrad liegt mit acht Punkten in Führung. Die Halle dreht jetzt vollkommen frei und auch uns kann endgültig nichts mehr halten. Alles, was irgendwie mitgesungen werden kann, wird auch mitgesungen. Man muss sich das mal vorstellen: Da sind 20.000 Menschen in der Halle bei einem Basketballspiel und bis auf ein paar VIPs und Pressemenschen kommt niemand auf die Idee, sich irgendwann einmal hinzusetzen. Vom vierjährigen Jungen vor uns in der Reihe bis zu dem Anzugträger rechts von uns lassen alle ihrer Begeisterung völlig freien Lauf. Besagter Anzugträger ist übrigens auch völlig begeistert, zu hören, dass wir extra für dieses Spiel aus Deutschland angereist sind. Als wir ihm jedoch erzählen, dass wir unter all unseren diversen Basketball- und Fußballerlebnissen in allen möglichen Ecken Europas und der Welt noch nie etwas beeindruckerendes als diese Stimmung hier erlebt hätten, hat er nur ein müde lächelndes „really?“ für uns übrig. Ganz so, als hätte er ohnehin nichts anderes erwartet.

IMG-20160313-WA0012Es ist das Selbstverständnis, das einem hier entgegenschlägt. Sie alle wissen, dass sie sich in dieser Stadt, in ihrer Festung, mit jedem messen können, weil dieser Heimvorteil einzigartig und besonders ist. Und alle wissen ganz genau, dass sie, die Fans, diejenigen sind, die für diesen unermesslichen Vorteil sorgen. Hier spielt es keine Rolle, ob der Gegner 10 Mio. Euro mehr in der Kasse und zehnmal so viele Trophäen in der Vitrine hat. Vor zwölf Jahren hat die taz unsere gute alte Hardtberghalle mal als den „Vorhof zur Hölle“ bezeichnet. Wer auch immer für diesen Artikel verantwortlich war, sollte nach Belgrad fahren und zum Basketball gehen. Hier ist nicht der Vorhof, hier ist für jeden Gegner die Hölle auf Erden pure Realität. Hier gibt es nichts geschenkt! Alle paar Minuten läuft eine wichtig wirkende Person zu den Ultras unten am Spielfeldrand. Die Hallensprecherin holt sich Küsschen links und Küsschen rechts beim Vorsänger ab. Kein Wunder, dass es hier kaum VIP-Plätze gibt und niemand in eine Loge will. Die wichtigsten Menschen des Vereins stehen hier auf dem Zaun und in der Kurve, dieser Eindruck bleibt am Ende dieses Spiel bestehen.

Am Ende eines echten Krimis. PAO gleicht im letzten Viertel das Spiel wieder aus, Zvezda scheint nun völlig von der Rolle. Doch sie behalten die Nerven, angeführt von einem überragenden Quincy Miller, der kurz vor Schluss mit einem erfolgreichen Zweier plus Foul die Halle zur Explosion bringt. Das zieht uns endgültig den Stecker. Wir dachten, die maximale Dezibelzahl wäre schon längst erreicht, aber Pustekuchen. Die Arena Belgrad erzittert in ihren Grundfesten, das Dach scheint abzuheben. Plötzlich ein Dreier von Sasha Pavlovic, nur noch zwei Punkte Vorsprung, ein paar Sekunden noch auf der Uhr. Aber es reicht für den Sieg. Zvezda gewinnt mit 69-67 und ist dem Viertelfinale einen riesengroßen Schritt näher. Wie begossene Pudel verlassen die Athener das Feld, natürlich unter einem ohrenbetäubenden Pfeiffkonzert und jede Menge Häme der Fans am Spielfeldrand.

DSC_0187Wir müssen an dieser Stelle ehrlicherweise zugeben, dass PAO uns noch nie unsympathisch war, ganz im Gegenteil, wurde manch einer von uns doch schon in den heiligsten Hallen der Gate 13-Ultras in Athen gastfreundlich empfangen. Aber für heute gehörte unser Herz dem Roten Stern. Wir erlebten ein Spiel, wie es epischer nicht hätte sein können. Basketball in seiner reinsten Form. Es mögen viele Menschen meckern über die regelmäßigen Riots, über den Hass zwischen Sportfans in Südosteuropa, über mafiöse Strukturen in den Kurven, aber ganz ehrlich: Auf der Pro-Seite steht eine Atmosphäre, die dem schönsten und dynamischsten Sport der Welt erst seinen angemessenen Rahmen verschafft. Wir werden wiederkommen. Die Pionir steht immer noch auf der Liste. Belgrad ist eine sympathische Stadt, die mehr zu bieten hat als nur ein blühendes Nachtleben. Doch voller Eindrücke eines unvergesslichen Basketballspiels sollte erstmal noch eine lange Nacht vor uns liegen.

 

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